Grußwort

Dr.Michael Rapp

Dr. Michael Rapp

Auch im Jahr 2011 ist unsere Marktgemeinde Gastgeber für das Musikfestival "grenzenlos", wobei die Verantwortlichen des Kulturvereins wiederum ein viel versprechendes, themenbezogenes Programm präsentieren. Drei Tage werden Künstler, die aus dem reichen Fundus ihrer Heimat schöpfen, die Verbundenheit mit ihrer Tradition, ihrer Kultur, ja mit den Wurzeln ihres Lebens musikalisch übersetzen. Wir werden allen, wie auch in den vergangenen Jahren, ein guter Gastgeber sein und ihnen das Gefühl vermitteln, sich hier ein Stück weit zuhause zu fühlen.
Thomas Köthe, dem künstlerischen Leiter, danke ich herzlich dafür, dass es gelungen ist, Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen eine Plattform zu bieten, um sich auf hohem Niveau auszutauschen und die Herzen der Gäste höher schlagen zu lassen.
Als er mich, wie üblich, nach einem Grußwort fragte, verband er dies mit der Bitte, persönliche Erfahrungen als "Gast" oder schon "Einheimischer", wie er meinte, in Irland einfließen zu lassen.
Fast zeitgleich wurde ich anlässlich der Gratulation für eine Dame an ihrem 101. Geburtstag auf eine sehr bewegende Weise mit dieser Thematik konfrontiert. Sie fragte mich mehrmals, ob ich mir vorstellen könnte, was es heißt, seine Heimat zu verlieren, alles aufzugeben und jegliche Bindung zu dem Ort, wo man seine Wurzeln hat, kappen zu müssen, so wie sie es bei der Vertreibung aus Oberschlesien am Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihrem damals zehnjährigen Jungen erleben und erleiden musste. Ich wusste es nicht, aber ich konnte mir das unerträgliche Leid vorstellen, das sich in ihrem sanften Gesicht und den Tränen widerspiegelte. Schmerzhafte Erinnerungen an Vergangenes, das man nicht vergessen kann.
Auch heute noch müssen unzählige Menschen ihre vertraute Umgebung verlassen und versuchen in einem anderen Land ein neues Zuhause zu finden, getragen von der Hoffnung, eine Wertegemeinschaft vorzufinden, in der die individuellen Rechte einen besonderen Schutz genießen. Andere gehen freiwillig, um ein neues Lebensglück oder Erfüllung zu suchen. Nicht immer jedoch ist die Triebfeder die Unrast, die Abenteuerlust oder die Suche nach neuen Herausforderungen. Es kann der Zufall sein, das einfache "Hängen bleiben", das andere Ticken der Uhr, das Innehalten vor unberührter Natur, das Zusammentreffen mit Menschen, die einen faszinieren, das Gefühl unendlicher Sehnsucht oder die Lockungen der Farben des Himmels, die unsere Träume begleiten.
Seitdem ich vor 36 Jahren das erste Mal nach Irland kam, ist meine Liebe zu diesem Land nie kleiner geworden und sie hätte es auch durch die zahlreichen Begegnungen mit seinen freundlichen Bewohnern nicht werden können. Ein altes irisches Sprichwort sagt:
"Ein Fremder ist ein Freund, dem man bisher noch nicht begegnet ist".
Nicht erst seit Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch" ist das smaragdgrüne Juwel im Atlantik vielen Deutschen eine zweite Heimat geworden. Ein Land voller Gegensätze und Widersprüche: so christlich und abergläubisch, so zart und wild, so offen und geheimnisvoll, so einsam und unterhaltsam, so stumm und geschwätzig, so kriegerisch und friedvoll, so laut und leise, so kauzig und ernst. Wie oft habe ich bei der Rückkehr gehört "Welcome home, welcome back" ein Zeichen, dass man dich nicht vergessen hat und wenn bei den abendlichen Gesprächen Ansichten, Ideen ausgetauscht und Geschichten erzählt werden, ist es ein besonderes Kompliment zu hören, wenn jemand sagt: "You must have Irish roots", verwurzelt zu sein in einem Land, das nicht deine Heimat ist, wo aber über die Jahre zarte Pflänzchen den Boden gefestigt haben, dass man sicher tritt, sich wohl fühlt, geborgen ist und das Zusammentreffen mit neuen Freunden eine eigene Magie entfaltet.
Wie schön es ist, dann auch wieder nach Hause zu kommen, an den Ort, wo man arbeitet, lebt und der Kreis der Verbundenheit und Vertrautheit mit den Seinen einen unschätzbaren Wert hat.
Heinrich Böll hat 1967 im Nachgang zu seinem Buch in einem Essay über Irland geschrieben: "…ich mag es zu sehr, und es ist nicht gut für einen Autor über einen Gegenstand zu schreiben, den er zu sehr mag". Er mag Recht haben, aber manchmal obliegt man, so denke ich, dem Zauber einer großen Liebe.
Wir freuen uns auf die Künstler des Musikfestivals "grenzenlos" mit dem Titel "roots", denn auch sie haben alle auf eine ganz individuelle Weise ihre Geschichten zu erzählen, die uns den Kern des Satzes: "back to our roots" fühlen lässt.
Dazu lade ich Sie herzlich ein und wünsche allen Besuchern gute Unterhaltung und der Veranstaltung einen harmonischen Verlauf.

Ihr Dr. Michael Rapp
Bürgermeister


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