Grußwort

Anna E. Rosmus

Anna E.Rosmus

Expressionisten und politisch engagierte Kunst hatte ich schon als Schülerin ins Herz geschlossen. Am Humanistischen Gymnasium lasen wir Schiller's Don Carlos, und ich erinnere mich bis heute an die Forderung: "Geben Sie Gedankenfreiheit!" Ödön von Horvath kannte ich vom Theater. Über meinem Bett hing ein Blaues Pferd von Franz Marc und über meinem Schreibtisch eine Totenmaske von Kurt Tucholsky. Unvergessen blieben mir Lieder aus dem Widerstand.

Mir gefiel das Bemühen um elementare Freiheiten des Menschen und das Erziehen zur Verantwortung jedes Einzelnen, demokratische Prinzipien zu erwirken und zu verteidigen. Ich mochte es, wenn jemand auch mit der Themenwahl gekonnt Stellung zu unserer Gesellschaft bezog. 

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis war allerdings genau so unübersehbar wie der zwischen Inland und Ausland. Als unser Geschichtslehrer uns auf einer Landkarte zeigte, wann sich Deutschland's Grenzen wohin "verschoben" hatten, fragte ich, was genau er damit meinte. "Verschieben" tun sich Grenzen ja nicht von alleine. Leopold Fischer verließ den Raum, der Unterricht fiel aus.

Kurz vor dem Abitur beteiligte ich mich mit dem selbstgewählten Thema Daten innerer und äußerer Freiheit aus Geschichte und Politik Europas am Europäischen Aufsatzwettbewerb. Ich schrieb von Hitler's Machtergreifung 1933 ..., was mir eine Einladung von Jacques Chirac nach Paris einbrachte, nicht vom deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens, der 1933 Mitglied der SA geworden war. 

Als ich 3 Jahre später zum ersten Mal vor Gericht stand, fragte mich der Vorsitzende Richter im gerammelt vollen Saal, warum ich dem Chefredakteur der Tageszeitung eine Karte mit Franz Marc's Chamäleon geschickt hatte. Der fühle sich beleidigt. Als ich beantragte, vor der Passauer Nibelungenhalle ein Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus aufstellen zu dürfen, lehnte Bürgermeister Hans Koniszewski dies vehement ab.

Als ich Oberbürgermeister Hans Hösl bat, etwas gegen die rechtsextremen Massenkundgebungen zu unternehmen, erklärte er mir, die Gastwirte wollten nicht auf die damit verbundenen Einnahmen  verzichten.

Als ich über das Passauer Haus berichtete, in dem Hitler als Kind gelebt hatte, bestritt der Bayerische Ministerpräsident Max Streibl öffentlich, es hätte dort eine Gedenkstätte gegeben. Dabei liegen bis heute Photos, Zeitungsberichte und sogar das damalige Besucherbuch vor.

Als ich mich 1995 erneut gegen die Ehrung von NS-Tätern auflehnte, fragte Felix Kuballa vom WDR Oberbürgermeister Willy Schmöller, ob er denn einen SS-General für ein Opfer des Nationalsozialismus halte. Schmöller, von Beruf Lehrer, antwortete vor laufender Kamera, er könne dies "nicht beurteilen". 

Während des Studiums hat mich das Thema Exil und Emigration besonders fasziniert - ohne zu ahnen, daß ich diesen Weg selber einmal gehen würde. 

Murnau ist mir deshalb seit vielen Jahren ein Begriff. Auf kleinem, überschaubarem Raum lassen sich Zusammenhänge besonders spannend aufzeigen. Christoph Probst kam in Murnau zur Welt. Ein Ort des Widerstandes ist Murnau deshalb allerdings ebenso wenig wie Passau. Max Dingler oder örtliche  Blutsordensträger kann man genausowenig unter den Teppich kehren wie deren Passauer Kollegen. Während Wassily Kandinsky sich in Murnau von der Gegenständlichkeit löste und Ödön von Horvath den kleinbürgerlichen Faschismus beobachtete, entstand im Anwesen von Gottfried Feder das Parteiprogramm der NSDAP. Horvath mußte fliehen, Gabriele Münter die Werke ihres ehemaligen Lebensgefährten Kandinsky einmauern und in die Innere Emigration flüchten. Karl Amadeus Hartmann, der Gründer der Reihe Musica Viva, vergrub seine Partituren im Garten der evangelischen Kirche. Menschen und Werke wie diese könnnen nicht vom politischen Hintergrund gelöst werden. 

Gerade kleinere Hochburgen der Nationalsozialisten mit einer nach dem Krieg bestehenden Kontinuität einflußreicher Personen tun sich da schwer. Ortschroniken umschiffen solche Problematiken gerne, obwohl es immer wieder lohnende Anknüpfungspunkte gäbe. Im Interesse der Wahrheit und eines besseren Verständnisses muß eine solche Thematisierung wie auch eine personelle Verortung dieser Zeit aber stattfinden. 

Von außen wird dies vielleicht noch deutlicher. Ich erinnere mich z.B. noch heute, wie entsetzt einige Professoren in Kanada mir vom Vortrag eines Passauer Literaturwissenschaftlers hier in Nordamerika berichteten. Er hatte die Judenbuche als Thema gewählt und akribisch genau über die Buche geredet, aber die Juden beiseite gelassen .

Exil und Emigration sind mitunter eine Chance. Sie tun aber immer auch weh. Beide sind leider Themen der Menschheitsgeschichte geblieben und nicht auf die Dritte Welt beschränkt. Ich habe mich Exilanten und Emigranten schon in Deutschland verbunden gefühlt, immer wieder an deren Seite gekämpft und vier Jahre mit einem Immigranten aus dem Irak gelebt. 

Mein Umzug nach Amerika ist sicher glücklicher verlaufen als der von vielen Anderen: Ich mußte um kein Visum betteln. Ich brauchte niemanden bestechen oder belügen. Ich mußte nicht Schlange stehen und keine Diskriminierung fürchten. Ich wurde von Privatpersonen mit offenen Armen aufgenommen und von der Regierung offiziell willkommen geheißen. In knapp 20 Jahren ist das von mir gewählte Land auch Heimat geworden. Ich denke und ich schreibe in der neuen Sprache. Ich träume auf Englisch, und wenn ich müde bin, wird mein Deutsch mitunter fehlerhaft. 

Wie sehr ich Deutschland allerdings in mir trage, merke ich auch an den Reaktionen Anderer. Unübersehbar sind auch die Spuren der heftigen Reaktionen auf mein Bemühen, Geschichte nicht zu verdrängen, sondern Klarheit in einem noch viel zu dunklen Kapitel Deutschlands zu schaffen. Mein Leben ist zum Spagat zwischen zwei Kulturen geworden.

Daß Murnau heuer solche Aspekte musikalisch "beleuchten" will, um auf für den Einzelnen meist doch recht erschütternden Lebensumstand hinzuweisen, freut mich besonders. Gerade Konfrontation mit Einzelschicksalen kann auch zum Ansatz für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema werden. Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg und Ihren Besuchern eine echte Bereicherung!

Ihre Anna E. Rosmus


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